Schon seit geraumer Zeit prophezeien wir, dass die Finanzbranche in der EU auf ähnliche Regulierungen zusteuert, wie sie bereits seit Jahren in der Pharmaindustrie bestehen.

Nun ist es soweit: Anfang April haben sich die Parlamentarier, Kommissionsbeamte und nationale Fachminister der EU (Trilog-Parteien) nach langem Ringen endgültig auf eine neue EU-Verordnung zum Beipackzettel für Finanzprodukte geeinigt. Zukünftig werden in ganz Europa Informationsblätter für alle sogenannten „verpackten Finanzprodukte“ verpflichtend sein.

Das neue Informationsblatt für Finanzprodukte soll Verbraucher über Risiken und Kosten von Produkten wie  Investmentfonds, kapitalbildende Lebensversicherungen und Zertifikate aufklären. Durch eine einheitliche Form soll der Verbraucher zudem in die Lage versetzt werden, solche Produkte miteinander zu vergleichen.

 

Wie soll das neue Informationsblatt aussehen?

Vorbild des Beipackzettels soll das Key Investor Document (KID) sein, auch  Key Investor Information Document (KIID) oder Wesentliche Anlegerinformationen« (WAI) genannt.

Dieses Dokument wurde 2011 eingeführt, mit dem Ziel Anleger über Produkteigenschaften von Publikumsfonds zu informieren. Neben dem KID wurde fast zeitgleich auch das Produktinformationsblatt (PIB) eingeführt – ebenfalls eine Verbraucherinformation für Geldanlagen. Dann gibt es seit 2012 auch noch das sogenannte Vermögensanlage-Informationsblatt (VIB) für geschlossene Fonds.

So unterschiedlich und verwirrend die Vielzahl der verschiedenen Verbraucherinformationen auch sein mögen, die Schlüsselfunktion solcher Dokumente ist immer die gleiche: mehr Verständlichkeit und Transparenz für Verbraucher bei komplexen Finanzprodukten.

Vermutlich dient das KID als Vorlage, da es, anders als beispielsweise das PIB, strikten Vorgaben für Form und Inhalt unterliegt. Als zentrale Elemente enthält das KID Informationen zu Anlagezielen, Risiko, Kosten und historischer Wertentwicklung.

Wie der neue EU-Beipackzettel aber letzten Endes genau aussehen wird und welche Informationen enthalten seien sollen, steht noch auf einem anderen Blatt –  wenn überhaupt schon Tinte dafür geflossen ist. Auch für welche Produkte es verbindlich gelten soll, wurde noch nicht endgültig festgelegt. Damit befassen sich jetzt die drei Aufsichtsbehörden Eiopa (Versicherungsaufsicht), Esma (Wertpapier- und Marktaufsicht) und Eba (Bankenaufsicht).

Jedenfalls sollen – so viel steht wohl schon fest – alle direkten und indirekten Gebühren sowie deren Einfluss auf die Erträge aufgeführt werden. Außerdem sollen besonders komplexe Produkte mit einem Warnhinweis gekennzeichnet werden. Eine besondere Kennzeichnung sollen zudem auch sogenannte nachhaltige Produkte mit ökologischen und sozialen Schwerpunkten erhalten.

Man darf jedenfalls sehr gespannt sein, was uns als Ergebnis erwartet.

 

Wie hilfreich sind Verbraucherinformationen überhaupt?

Was kann man aus der Erfahrung mit den verschiedenen Formaten von  Verbraucherinformationen lernen? Sind die bisherigen Maßnahmen aus Sicht der Verbraucher ein Erfolg oder gibt es Risiken und Nebenwirkungen, die man vorher nicht bedacht hat?

Bei der Frage, ob durch PIB, KID & Co. mehr Transparenz und Verständlichkeit erreicht wurden, gehen die Meinungen auseinander. Tendenz: eher negativ. Etliche Untersuchungen und Studien zeigen, dass es nach wie vor viel Platz nach oben gibt. Das betrifft vor allem die Verständlichkeit und Vergleichbarkeit solcher Dokumente. Hier ist die Branche noch ein gutes Stück von einer einheitlichen und für den Verbraucher nützlichen Lösung entfernt.

Viele der heute im Umlauf befindlichen PIB, KID oder VIB sind nach wie vor gespickt mit komplexen Formulierungen, langen Kettensätzen und schwierigen Fachbegriffen.  Die Darstellung von Zahlen/Geldbeträgen, beispielsweise in Rechenbeispielen, ist uneinheitlich. So werden beispielsweise Erträge mal in Euro, mal in Prozentangaben abgebildet. Auch die Struktur und Gliederung  der Dokumente unterscheiden sich oft, so dass eine einfache Vergleichbarkeit nicht gegeben ist.

Schwarzmalen ist jedoch nicht angesagt. Man muss vielen Unternehmen einen engagierten Willen zur Veränderung bescheinigen. Dementsprechend gibt es auch bei vielen Unternehmen Initiativen und Maßnahmen, um sich der Herausforderung zu stellen. Dass das auch mit etlichen Hürden verbunden ist, zeigen die bisherigen Erfahrungen. Erfolgsmeldungen seitens des Verbraucherschutzes oder der verschiedenen Interessensgruppen blieben daher eher aus.

Beim neuen Beipackzettel wird es darauf ankommen aus den bisherigen Erfahrungen zu lernen und vermeidbare Fehler nicht zu wiederholen. Dann verspricht die Maßnahme auch erfolgreicher zu werden, als es die bisherigen Bemühungen waren.

 

Welche kann besser gemacht werden?    

Bei der Frage, was man nicht tun sollte oder besser machen kann, kann man neben den Erfahrungen mit PIB, KID & Co. auch aus dem reichen Erfahrungsschatz der Pharmaindustrie schöpfen. Denn: seit 2005 sind verständliche Beipackzettel für Arzneimittel EU-weit verpflichtend.

Wenn man heute mit Patientenvertreter spricht und sich erkundigt, was sich seit der Regulierung bei den Beipackzetteln getan hat, hört man vor allem eines: die Verbraucherinformation gehen immer noch am Verbraucher vorbei.

Sicherlich, es wurden durch die Vereinheitlichung und die Einführung von Standards „spürbare“ Verbesserungen erzielt. Aber wirklich patientenfreundlich sind die Beipackzettel für Arzneimittel deshalb noch nicht. Das wäre an sich ja auch nicht das Hauptproblem. Viel kritischer ist, dass bekannte Mängel nicht beseitigt werden (können). Das liegt vor allem am immensen  Verwaltungsaufwand, der  hinter solchen EU-Richtlinien steht. Einfach mal auf Stopp drücken und nochmal von vorne anfangen ist selten möglich.

Deshalb ist es umso wichtiger bereits im Vorfeld Feldforschung zu betrieben und Experten zur Beratung heranzuziehen.

Ein Patentrezept gibt es also (bisher) nicht. Auf dieser Erkenntnis sollte die Entwicklung eines neuen Formats der Verbraucherinformation für Finanzprodukte aufbauen. Ein neuer Ansatz ist notwendig, um ein erfolgreiches Ergebnis zu erzielen.

Wie aber einen neuen Ansatz entwickeln? Nun, indem als erstes der Verbraucher – also Anleger und Bank- und Versicherungskunden – gefragt werden: Wo besteht Informationsbedarf? Und wo lauern die Barrieren bei den bisher bekannten Formaten? Das heißt: eine Bedarfsanalyse bei den Nutzern und eine kritische Bestandsaufnahme der bestehenden Maßnahmen sind grundlegende Schritte, um das Ziel eines verbraucherfreundlichen Beipackzettels für Finanzprodukte zu erreichen.

Selbstverständlich müssen auch die fachlichen und juristischen Aspekte berücksichtigt werden. Welche Fachinformationen müssen enthalten sein? Welche rechtlichen Hinweise sind unverzichtbar? Sind die fachlichen und juristischen Vorgaben definiert, müssen sie laiengerecht aufbereitet werden. Hier steckt eine der größten Herausforderungen. Komplexe Themen und Sachverhalte in einfache Sprache zu übersetzen ist oft äußerst schwierig.

Aus der Analyse des Ist-Standes und der Definition  eines Soll-Status können nach und nach Maßnahmen, Regeln und Standards entwickelt werden, die Verbraucherinformationen für Verbraucher wirklich brauchbar machen. Wichtig ist außerdem, solche Regelwerke flexibel zu gestalten: nicht nur gesetzlichen Regelungen und fachliche Anforderungen können sich ändern – auch Sprache unterliegt einen ständigen Wandel.

Quellen:

http://www.faz.net/aktuell/finanzen/meine-finanzen/sparen-und-geld-anlegen/nachrichten/sven-giegold-eu-will-beipackzettel-fuer-geldanlage-12877284.html

http://www.versicherungsjournal.de/markt-und-politik/einigung-auf-beipackzettel-fuer-finanzprodukte-118566.php

http://versicherungswirtschaft-heute.de/politics/ep-beschliest-beipackzettel-fur-finanzprodukte/

Autor:

Oliver Haug ist Mitbegründer und Geschäftsführer des Communication Lab. Der Kommunikationswissenschaftler berät zu den Themen Kundenansprache und Corporate Language. Seine Spezialgebiete sind Verständlichkeitsanalysen, Prozessoptimierung und Markensprache.