Deutsch ist eine Sprache mit unendlich vielen Wörtern, denn sie funktioniert nach dem „Baukasten-Prinzip“: zwei Wörter können zu einem neuen zusammengesetzt werden. Auf diese Weise entstehen täglich neue deutsche Wörter, in der Sprachwissenschaft „Komposita“ genannt. Aber versteht jeder ihre Bedeutung? In einer  Reihe beleuchten wir, wann und warum Komposita die Verständlichkeit behindern können.

Von unserem Gastautor: Natalie Kühner

Was stellen Sie sich spontan vor, wenn Sie „Musikerleben“ lesen? An das Erleben von Musik? Oder an das Leben eines Musikers? Beide Bedeutungen sind möglich und kommen im Sprachgebrauch vor. Oft ergibt sich aus dem Kontext, was gemeint ist. Zum Beispiel handelt ein musikpädagogisches Buch mit dem Titel „Musikerleben im Jugendalter“ sehr wahrscheinlich davon, wie Jugendliche Musik erleben und nicht von einem Leben als junger Musiker.

Neue Wörter nach dem Baukasten-Prinzip

Das Wort kann auch so geschrieben werden, dass diese Mehrdeutigkeit nicht entsteht: Bei „Musik-Erleben“ und „Musiker-Leben“ ist die Lesart vorgegeben. Hier zeigt der Bindestrich, wo die Grenze zwischen den Bestandteilen verläuft. Denn so wie sich ein Satz in seine Wörter zerlegen lässt, bestehen Wörter wiederum aus kleineren Einheiten. Diese Einheiten werden in der Sprachwissenschaft „Morpheme“ genannt. Wie Sätze werden auch Wörter nicht willkürlich, sondern nach eigenen Regeln aufgebaut. Eine dieser Regeln erlaubt es, zwei Wörter zu einem Wort zusammenzusetzen: Aus „Dampf“ und „Schiff“ wird „Dampfschiff“, aus „Dampfschiff“ und „Fahrt“ wird „Dampfschifffahrt“ und das Spiel lässt sich bis zur berühmten „Donaudampfschifffahrtsgesellschaftskapitänsmütze“ und noch weiter betreiben.

Nach diesem Prinzip ist auch das Wortungetüm „Rindfleischetikettierungsüberwachungsaufgabenübertragungsgesetz“ entstanden – mit 63 Buchstaben das längste deutsche Wort, das tatsächlich verwendet wurde . Dieses Gesetz wurde vor kurzem abgeschafft, was ein internationales Medien-Echo mit Nachrufen auf das längste deutsche Wort auslöste.

Missverständnisse vorprogrammiert

Bei diesen „extremen“ Beispielen fällt eins auf: Aus welchen Bestandteilen ein Wort besteht und in welcher Reihenfolge diese zusammengesetzt wurden, ist auf den ersten Blick nicht zu sehen. Bei kurzen Wörtern ist dies meistens kein Problem: Sie bestehen aus nur wenigen Teilen oder lassen sich überhaupt nicht zerlegen. Lange Wörter dagegen können beim Lesen Mühe bereiten oder missverstanden werden: Ist eine „Kunststoffseilrolle“ eine „Kunststoff-Seilrolle“ oder eine „Kunststoffseil-Rolle“? Erst der Bindestrich macht die innere Wortstruktur sichtbar.

Ein weiteres kurioses Beispiel: Der Buchtitel „Das Musikerleben des vorschulpflichtigen Kindes“ aus dem Jahr 1968 enthält gleich zwei mehrdeutige Wörter. Neben dem schon erwähnten „Musikerleben“ kann auch „vorschulpflichtig“ auf zwei Weisen verstanden werden: Ist ein vorschulpflichtiges Kind noch nicht schulpflichtig, oder ist es verpflichtet, die Vorschule zu besuchen?

Irritierende Silbentrennung

Manchmal bringen Komposita uns auch zum Schmunzeln, indem Sie unsere Gehirn auf Abwege führen: Wissen Sie, ob „Blumento-pferde“ wiehern? Oder was die Ziele der „Abgase-mission“ sind? Solche „Verleser“ entstehen häufig, wenn man unkonzentriert ist oder das Wort nicht kennt. Schuld ist manchmal auch die automatische Silbentrennung, wenn sie die Bedeutung eines Worts nicht berücksichtigt.

Je länger ein Wort ist, desto eher ist es eine Stolperfalle für die Verständlichkeit. Unser Tipp: Prüfen Sie Ihre Texte darauf, ob Sie lange Komposita in mehreren Wörtern umschreiben können. Falls Sie auf das Kompositum nicht verzichten möchten: Vielleicht kann ein Bindestrich zu einer besseren Lesbarkeit beitragen? Und vergessen Sie am Ende nicht zu kontrollieren, ob die automatische Silbentrennung nicht eine ungewollte Bedeutung in Ihren Text „geschmuggelt“ hat!

Interessantes zum Thema:

Artikel zu „Wortungetümen“ bei der Süddeutschen Zeitung

Artikel über „Abschaffung des längsten deutschen Worts“ beim The Telegraph (auf englisch)

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Autor:

Natalie Werrmann hat Computerlinguistik studiert und ist verantwortlich für die Weiterentwicklung von TextLab. Sie ist Spezialistin für Sprachregeln, Terminologie- und Style-Guide-Projekte. Außerdem ist sie Ansprechpartnerin für unsere TextLab-Nutzer.