Professor Michael Olbrich hat sich die Mühe gemacht, und die Geschäftsberichte der deutschen DAX-Unternehmen nach Anglizismen durchforstet. Mit einem erschreckenden Ergebnis: Es wimmle nur so vor Anglizismen. Dies hält der Professor gar für eine Straftat. Denn: Die Geschäftsberichte müssen auf Deutsch sein.

Beispiele für die Anglizismen-Wut der Ersteller findet der Professor zuhauf: „Leverage Debt Capital Markets“, „Cross-Sector Business“, „Audit Comittee“, Private Clients“ oder „Asset-Management“. Diese Wörter verhindern jedoch, dass eine interessierte Öffentlichkeit sich mit diesen Dokumenten auseinandersetzen kann. So verwendet beispielsweise die Deutsche Bank über 8000 Anglizismen in ihrem Bericht. Ein Rekord.

 

„Anglizismen-Überfluss verstößt gegen das Handelsgesetz“

„Die Firmen verstoßen in den Augen Olbrichs gegen Paragraf 244 des Handelsgesetzbuches. Der schreibt vor, dass die Jahresabschlüsse in deutscher Sprache aufzustellen seien. Für den Ökonom könnte die Vorliebe der Konzerne für das Englische auf eine Art Verschleierungstaktik zurückzuführen sein: „Der Verdacht liegt nahe, dass die Konzerne dadurch einige Dinge in den Geschäftsberichten undurchsichtig machen wollen“, zitiert die „FTD“ Olbrich.“

www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,768395,00.html

Ich würde nun nicht so weit gehen und dies als gezielte Verschleierung bezeichnen, obwohl dies durchaus denkbar ist. Es könnte auch noch ein anderer Aspekt eine Rolle spielen, der jedoch letztlich die gleiche Konsequenzen für den Verbraucher hat: fachliche Sprachräume.

Die untersuchten Berichte sind von globalen Konzernen, die üblicherweise auf Englisch kommunizieren. Noch dazu werden diese Berichte von Experten geschrieben. Experten, die mehrsprachig und in Fachsprache kommunizieren. Für diese Experten ist die Verwendung von Anglizismen keinerlei Schwierigkeit. Diese Experten merken aber auch nicht, dass die Verwendung von Fachsprache außerhalb ihres Sprachraums tödlich sein kann. Tödlich für das Verstehen durch Laien.

Die Unternehmen selbst reagieren mit wenig Verständnis auf die Anschuldigungen von Olbrich. Sie verweisen darauf, dass die Anglizismen wie beispielsweise Cashflow auch bei Verbrauchern bekannt seien. Damit haben die Unternehmen aber nur zum Teil recht. Denn für viele Verbraucher ist der Asset Manager völlig unverständlich. Selbst der einfache Begriff Cashflow dürfte schon für viele Verbraucher eine nicht zu überwindende Barriere sein. Möchte ich also meinen Jahresbericht verständlich veröffentlichen, muss ich für diese Probleme eine Lösung bieten. Aber wie könnte diese aussehen?

 

Kein direkter Verstoß gegen Verständlichkeitskriterien

Anglizismen sind nicht per se ein Verstoß gegen die Verständlichkeit. Wer möchte denn heute auf Anglizismen wie Computer, Internet oder Call Center verzichten? Es muss also differenziert werden. Unternehmen müssen sich Listen mit „erlaubten“ und „unerlaubten“ Anglizismen anlegen. Dabei sollten sich die Unternehmen aber tunlichst von externen Sprachberatern unterstützen lassen. Denn nur mit einem Blick von außen ist es möglich, die Fachsprache zu erkennen und effektiv zu verbessern. Oft sind es kleine Dinge, die eine große Wirkung erzielen. Sei es ein Glossar am Ende des Berichts mit Erklärungen für Laien, oder die Erklärung im Text. Firmen bieten sich viele Möglichkeiten, dieses Thema anzugehen.

Autor:

Als Kommunikationswissenschaftler beschäftigt sich Dr. Anikar Haseloff tagtäglich mit Sprache. Er lehrt und forscht zum Thema Verständlichkeit an mehreren Universitäten in Deutschland.