Einerseits erschreckend, andererseits ganz beruhigend: Auch die DAX-Konzerne sind oft unsicher, wie sie andere Personen ansprechen sollen. Vorherrschend ist ein Du-Sie-Chaos, wie der Kommunikationswissenschaftler Murtaza Akbar von der Hochschule Darmstadt herausgefunden hat.

Der Kommunikationswissenschaftler hat untersucht, wie die 30 Dax-Konzerne Schüler, Auszubildende, Studenten, Berufseinsteiger und Berufserfahrene ansprechen – sowohl auf den eigenen Karriere-Webseiten als auch auf ihren Social-Media-Kanälen. Das Ergebnis: Es herrscht alles andere als Einheitlichkeit.

Medium is the Message – nicht der Bewerber
Kommunikationswissenschaftler kennen das: Das Medium steht im Vordergrund, nicht die Botschaft. So scheint es auch bei den DAX-Konzernen zu sein: Denn bezeichnend ist, dass die Ansprache wechselt, je nachdem, welchen Kommunikationskanal die Unternehmen verwenden. Auf den eigenen Websites herrscht das förmliche „Sie“ vor, in Social Media das formlose „Du“.

Kommunikationswissenschaftler Akbar kommt daher zu diesem Ergebnis: Der Kanal ist den Konzernen wichtiger als die Menschen. Denn dieser gibt die Ansprache vor. So werden beispielsweise auf Facebook von manchen Unternehmen einfach alle Personen geduzt – unabhängig vom Alter; egal, ob Schüler oder Berufserfahrene. Es sei keine individuelle Strategie bei der Bewerberansprache der DAX-Unternehmen erkennbar, so der Kommunikationswissenschaftler weiter. Dabei sei diese Strategie dringend notwendig.

Auch bei der Ansprache der Aktionäre holpert es
Dies korrespondiert auch mit den Ergebnisse, die das ComLab in einer gemeinsamen Studie mit der Universität Hohenheim, CLS Communication und dem Center for Corporate Reporting zu den Aktionärsbriefen der DAX- und SMI-Unternehmen herausgefunden hat: So bieten die Aktionärsbriefe nicht nur viel Potenzial in Punkto Verständlichkeit, sondern auch beim Aspekt Ansprache.

Ein Beispiel dafür ist das Thema handschriftliche Ansprache, denn diese Form der persönlichen Ansprache bleibt oft ungenutzt: Nur etwa 43 % der DAX-Unternehmen verwenden sie – in der Schweiz scheint die handschriftliche Ansprache sogar gänzlich unbekannt zu sein: Die SMI-Unternehmen nutzen sie gar nicht.

Die haben’s gut
So ist die deutsche Sprache auch in punkto Ansprache eine schwere Sprache. Und es gibt ja viele Gründe, ein wenig neidisch auf die anglo-amerikanische Unternehmenskultur zu blicken – dabei ist die Ansprache einer der größten Neid-Faktorn. Denn unsere Probleme kennen die Kollegen in London, Dublin oder New York nicht. Hier herrscht ein freundliches, offenes aber dennoch respektvolles „You“.

Quelle:
http://www.spiegel.de/karriere/du-oder-sie-so-konfus-sprechen-dax-konzerne-bewerber-an-a-1214479.html
https://www.comlab-ulm.de/project/aktionaersbriefe-schwer-verstaendlich/

Corinna Wälz

Autor: Corinna Wälz

Corinna Wälz entwickelt Sprachkonzepte für Unternehmen und leitet auch deren Sprachprojekte. Die Germanistin ist außerdem besonders auf die Analyse von Unternehmenskommunikation spezialisiert.