Die Universität Hohenheim beschäftigt sich mit einem sehr interessanten Projekt, in dem die Verständlichkeit von Politikern unter die Lupe genommen wird. Nicht erst seit Stoibers grandiosen Reden ist die Verständlichkeit von Politikern ein häufig von Öffentlichkeit und Wissenschaft gleichermaßen kritisiertes Thema. Oft wird auch die Politik-Verdrossenheit mit der Nicht-Verstehbarkeit der Aussagen vieler Politiker in Verbindung gebracht.  Vor diesem Hintergrund beschäftigten sich die Forscher von der Universität Hohenheim um Professor Brettschneider mit der spannenden Fragestellung, ob sich denn die Verständlichkeit der Politiker vergleichend messen lässt.

 

Lesbarkeitsformeln

Dafür greifen die Forscher Ansätze aus der Leseforschung heraus, mit denen schon seit Ende der 1920er Jahre versucht wird, die Lesbarkeit und Verständlichkeit von Texten zu vergleichen. Lesbarkeitsformeln sind mathematische Regressionsgleichungen, mit denen versucht wird anhand verschiedener Textmerkmale die Schwierigkeit eines Textes zu bewerten. Die häufigsten Textmerkmale die hierfür herangezogen werden sind üblicherweise Satzlängen, Wortlängen, Anteil an kurzen oder langen Wörtern sowie die Satzkomplexitäten (Verschachtelungen, Einschübe etc.). Mit diesen Merkmalen soll erfasst werden, wie leicht oder wie schwer ein Text ist.

Die wohl bekannteste und vor allem im englischsprachigen Raum am häufigsten verwendete Lesbarkeitsformel ist der Reading Ease Index von Rudolf Flesch (häufig auch als „Flesch-Formel“ bezeichnet). Sie basiert auf der durchschnittlichen Satzlänge in Wörtern und der durchschnittlichen Wortlänge in Silben und ermittelt Werte von 0 (kaum verständlich) bis 100 (sehr leicht verständlich). Diese Formel wurde von Toni Amstad auf die Deutsche Sprache angepasst. Die ursprüngliche Flesch-Formel wird in den USA von verschiedenen Behörden eingesetzt, um die Verständlichkeit von Texten zu überprüfen. Aus einem ähnlichen Ansatz entstanden die im deutschen Sprachraum bekannten Wiener Sachtextformeln. Diese wurden entwickelt, um die Verständlichkeit von Schulbüchern für die entsprechenden Klassenstufen bewerten zu können.

 

Lesbarkeitsformeln und die Politik

Die Forscher der Universität Hohenheim haben nun untersucht, ob diese Formeln auch auf die Sprache der Politiker angewendet werden können und ob diese Formeln eine Aussagekraft hinsichtlich der Verständlichkeit liefern. Dafür wurden Testpersonen eingeladen, die sich Video-Podcasts von Angela Merkel sowie eine Weihnachtsansprache von Horst Köhler anhören durften. Die Texte wurden vorher mit den Instrumenten der Lesbarkeitsforschung analysiert und die Verständlichkeit bewertet.  Anschließend wurde überprüft, in wie fern die Schwierigkeitsbewertung der Formeln mit denen der Testhörer übereinstimmten. Die Ergebnisse bestätigten anscheinend die Annahmen der Forscher: Untersuchungsleiter Kercher fasst die Ergebnisse zusammen: „Zusammenfassend ergeben sich […] eine ganze Reihe von Indizien, die dafür sprechen, dass objektiv messbare Textmerkmale, wie sie von den Formeln erfasst werden, tatsächlich für eine Messung der Politikerverständlichkeit geeignet sind.“

Da es bisher kaum Untersuchungen zur Korrelation zwischen Verständlichkeitsformeln und den Eindrücken von Testpersonen gibt, ist diese Untersuchung sehr interessant und vielleicht auch der Auftakt zu einer Reihe weiterer Studien in diesem Kontext. Denn mit dem Thema Podcasts wird nur ein sehr kleiner Teil der politischen Kommunikation untersucht. Die Übertragbarkeit auf andere Texte/Reden/Aussagen kann da berechtigt in Zweifel gezogen werden. Allerdings sind die Aussagen dennoch interessant, geben Sie doch erste Hinweise auf Möglichkeiten einer computer-basierten Messung von Verständlichkeit im Kontext politischer Kommunikation. Interessant wären hierzu natürlich auch Studien, die sich mit anderen Themenfeldern auch außerhalb der Politik beschäftigen.

 

Zum Weiterlesen:

  • Kercher, Jan (2010): Zur Messung der Verständlichkeit deutscher Spitzenpolitiker anhand quantitativer Textmerkmale. In: Faas, Thorsten / Arzheimer, Kai / Roßteutscher, Sigrid (Hrsg.): Information – Wahrnehmung – Emotion: Politische Psychologie in der Wahl- und Einstellungsforschung. Wiesbaden: VS Verlag, S. 97-121.

Autor:

Als Kommunikationswissenschaftler beschäftigt sich Dr. Anikar Haseloff tagtäglich mit Sprache. Er lehrt und forscht zum Thema Verständlichkeit an mehreren Universitäten in Deutschland.