Notgroschen, Sparschwein, Sparstrumpf, was auf der hohen Kante … Wir Deutschen haben nicht nur viele Methoden und Begriffe für das Sparen. Wir sind offenbar zum Sparen verdammt. Man mag uns unsere ständige pedantische Pfennigfuchserei jetzt endlich mal nachsehen: Wir können gar nicht anders! Das zeigt eine neue Studie des Ökonomen Keith Chen von der Yale University.

Heute oder morgen – entscheidend fürs Sparen
Danach entscheidet die Verwendung eines schwachen oder starken Futurs über die Bereitschaft zum Sparen. Während beispielsweise im Englischen eine starke Futur-Form verwendet wird („I will go to Stuttgart“), bleiben die Deutschen, wenn sie Ereignisse in der Zukunft ausdrücken wollen, grammatikalisch in der Gegenwart („morgen gehe ich nach Stuttgart“). Die Verwendung einer starken Futur-Form ist im Deutschen zwar möglich („morgen werde ich nach Stuttgart gehen“), aber unüblich. Ähnlich wie im Deutschen wird die Futur-Form etwa im Chinesischen verwendet; beispielsweise im Griechischen oder im Spanischen ähnelt die Verwendung eher dem Englischen mit einer starken Futur-Form.
Doch wie wirkt sich diese Verwendung des Futurs auf das Sparen aus? Die These der Wissenschaftler: Die grammatischen Strukturen der Muttersprache seien entscheidend dafür, wie ein Sprecher auf die Welt blickt, und würden so letztlich auch sein ökonomisches Verhalten bestimmen. Immer wenn jemand im Englischen oder einer anderen Sprache mit dominanter Futur-Form über die Zukunft spricht, müsse er die künftigen Geschehnisse gedanklich klar von der Gegenwart trennen. Somit fühle sich der Unterschied zwischen Gegenwart und Zukunft stärker an und das mache es schwerer zu sparen. Denn der Vorteil, der sich aus Erspartem in der Zukunft ergibt, fühle sich ferner an. So die Thesen, die die Wissenschaftler mit zahlreichen Daten und Fakten untermauern.

Sind wir also alle gefangen in einer hoffnungslosen Zwischenwelt, irgendwo zwischen heute und morgen? Sind wir zwanghafte, neurotische Sparfüchse? Und was uns noch größere Sorgen macht: Was wird herauskommen, wenn die Theorie auf das Schwäbische angewandt wird? Kann es noch schlimmer kommen? Was sollen die Schotten sagen?

Also, wenn wir das nächste Mal einen Euro in das Sparschwein stecken, sollten wir vielleicht doch mal über zwanghaftes Verhalten und Determinismus nachdenken … Nur wird das wahrscheinlich auch nicht helfen – schließlich bleiben wir ja immer noch in unserem Denken und in unserer Sprache verhaftet.

Die Studie soll demnächst hier veröffentlicht werden: http://www.ceibs.edu/knowledge/research/papers/index.shtml

Mehr zum Thema: http://www.welt.de/finanzen/article139021856/Muttersprache-entscheidet-ueber-das-Sparverhalten.html

Corinna Wälz

Autor: Corinna Wälz

Corinna Wälz entwickelt Sprachkonzepte für Unternehmen und leitet auch deren Sprachprojekte. Die Germanistin ist außerdem besonders auf die Analyse von Unternehmenskommunikation spezialisiert.