PIB – zum Schutz des Anlegers?

Mal wieder steht der Beipackzettel für Finanzprodukte, das sogenannte Produktinformationsblatt (PIB), in der Kritik. Als Maßnahme zum Schutz des Anlegers ist das PIB seit 1. Juli 2011 für Finanzdienstleister verpflichtend. Das heißt: interessiert sich ein Anleger für ein Finanzprodukt, sei dies eine Kapitalanlage oder eine Versicherung, muss ihm der Vermittler  vor dem Kauf ein Produktinformationsblatt aushändigen.

Dieses auf zwei DIN A4 Seiten reduzierte Informationsblatt soll den Anleger knapp, transparent und verständlich über die Funktionsweise, Kosten, Risiken und Renditechancen eines Finanzprodukts aufklären. Das PIB soll dem Anleger ermöglichen, verschiedene Produkte einfach miteinander zu vergleichen und so Vor- und Nachteile zu erkennen.

In den vergangenen Monaten sind verschiedene  Studien und Untersuchungen zu diesem neuen Dokumententypus veröffentlicht worden (siehe hierzu auch unsere Blog-Einträge von 02.11.2011 oder 13.07.2011).

Auch wenn die Ergebnisse der verschiedenen Studien nicht nur  negativ ausfallen – ja, sogar an verschiedenen Stellen sehr positive Ansätze entdeckt wurden – gab es doch immer wieder Kritik an der Qualität der Dokumente. Alle Studien stellten fest, dass durchaus noch Bedarf an Optimierung besteht – zum Teil dringender Bedarf.

Bisherige Kritikpunkte werden erneut bestätigt

Nun wird erneut Kritik an den Dokumenten laut. Diesmal von der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin). Seit in Kraft treten des Gesetzes hat die Behörde vor allem PIBs zu Wertpapieren unter die Lupe genommen. Um es vorsichtig auszudrücken: das Ergebnis ist nicht gerade schmeichelhaft für die Finanzdienstleister.

Ein Kritikpunkt war die mangelende Vergleichbarkeit der PIBs:“Die Überprüfung der Informationsblätter ergab, dass sie nur eingeschränkt vergleichbar sind“, urteilte der BaFin-Abteilungsleiter Günter Birnbaum in einem Interview mit „Welt Online“.

Aber damit nicht genug. Die BaFin kritisiert zudem die Verständlichkeit der Dokumente. Die Informationen seien häufig zu kompliziert und für Laien nicht verständlich geschrieben:

„Wir stießen wiederholt auf schwer verständliche Texte mit Fachbegriffen, langen Sätzen und für den durchschnittlichen Anleger unbekannten Abkürzungen“.

Zu ähnlichen Ergebnisse kam auch eine kürzlich vom Communication Lab veröffentlichte Untersuchung zur Verständlichkeit  von Produktinformationsblätter.

Ein weiterer Kritikpunkt der BaFin war die zum Teil fehlende Transparenz. So stellte sie unter anderem fest, dass die für den Anleger entstehenden Kosten nicht immer klar ausgewiesen werden. Anstatt konkrete Angaben zu machen, wird auf allgemeine Preis- und Leistungsverzeichnisse verwiesen. Auch würden klare Angaben bei  aktienbasierten Produkten teilweise durch sehr allgemeine Informationen zu dieser Produktgattung (Aktien) ersetzt.

Zu einer ähnlichen Feststellung kommt auch eine Untersuchung der Stiftung Warentest im September 2011.  Finanztest stelle in einem  Test zu Fonds-Produkten fest, dass in Fremdwährungen anlegende Fonds, das Währungsrisiko in der Produktbeschreibung häufig unberücksichtigt lassen. Hierzu heißt es in der Pressemeldung von Finanztest:

„So stuft beispielsweise die Fondsgesellschaft Union Investment den Geldmarktfonds UniMoneyMarket:USD, der in US-Dollar anlegt, in die niedrigste von sieben vorgegebenen Risikoklassen ein. Aus Sicht der Fondsgesellschaft, die in Dollar anlegt und rechnet, ist die Einstufung nicht einmal falsch. Aus Sicht des Anlegers aber schon. Der investiert nämlich in Euro und trägt das volle Wechselkursrisiko. Das ist für ihn so hoch, dass der Fonds glatt in die Risikoklasse 5 aufsteigen müsste.“

Das heißt, Risiken werden geschickt  verschleiert, ohne dass die Information fachlich und/oder juristisch falsch ist. Anleger können aber durch solche Informationen in die Irre geführt werden – vor allem wenn es sich um fachliche Laien handelt. Die eigentliche Funktion eines PIBs wird dadurch ad absurdum geführt.

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser

Die BaFin Untersuchung bestätigt im Grunde die Ergebnisse etlicher vorangegangener Studien: PIBs  erfüllen oft noch nicht ihre Funktion als Maßnahme zum Schutz der Anleger, in dem sie klar und verständlich über Finanzprodukte aufklären. Oft ist sogar noch das Gegenteil der Fall.

Es ist zwar ein erster wichtiger Schritt, dass auch von Behördenseiten die Alarmglocken läuten und festgestellt wird, dass Handlungsbedarf besteht. Das ist aber erst der Anfang. Um das Ziel zu erreichen bedarf es weiterer Schritte und vor allem konkreter Vorgaben.

Von Anfang an haben verschiedene Stellen für Verbraucherschutz kritisiert, dass der Gesetzestext mit seinen vagen Formulierungen eher einer Selbstverpflichtung ähnelt, als einer konkreten und verbindlichen Richtlinie. So fehlt es an verbindlichen Vorgaben, wie ein PIB auszusehen hat, wie die Informationen gegliedert seien müssen, welche Regeln für die Verständlichkeit gelten, wie mit Fachbegriffen verfahren wird und wie die Einhaltung der Vorgaben nach objektiven Kriterien überprüft werden kann.

Zwar konnte sich der zentrale Finanzausschuss, in dem die Spitzenverbände der Banken vertreten sind, nach langem Ringen auf einen Vorschlag für einen einheitlichen Aufbau der Informationsblätter einigen. Mehr ist aber seither nicht geschehen. Weder von gesetzgebender Seite her, noch von Seiten der Anbieter. Leider zeigt sich das auch oft in der mangelnden Qualität vieler der auf dem Markt befindlichen PIBs. Ausnahmen gibt es dennoch immer wieder. Das spendet nicht nur Hoffnung, sondern stellt auch unter Beweis, dass es auch anders geht.

Für Finanzdienstleister könnten klare Angaben und verbindliche Richtlinien viel Zeit, Ärger und Kosten sparen. Denn in vielen Unternehmen rauchen die Köpfe der Experten in den Rechts- und Marketingabteilungen. Häufig fehlt es nicht am Willen ein kundenfreundliches PIB zu erstellen. Es ist eher die Sorge um die Rechtssicherheit und negative Marketing-Effekte, die den Handlungsspielraum einzuschränken scheinen.

Nach dem Motte „steter Tropfen höhlt den Stein“ verweise ich an dieser Stelle gerne und zum weiderholten Mal auf die Erkenntnisse der Lesbarkeits- und Verständlichkeitsforschung hin, die Methoden und Kriterien entwickelt hat, um die Verständlichkeit von komplexen Texten zu messen und zu verbessern. Auch Erfahrungen aus der Praxis, zum Beispiel der Pharma-Industrie und  entsprechender Behörden zum Thema medizinischer Beipackzettel, könnte ein gewinnbringender Quell für wertvolle Information sein.  Hier können neben Erkenntnissen wie man es nicht machen sollte, auch nützliche Hinweise gewonnen werden, was bereits möglich ist und wie man es umsetzen kann. Einen Versuch wäre es Wert!

Hier der Link zur ausführlichen Studie der Bafin: klick

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http://www.bafin.de/cln_110/nn_722758/SharedDocs/Veroeffentlichungen/DE/Service/Sonstige/pm__111205__bericht__produktinformationsblaetter.html#doc2279670bodyText4

Autor:

Oliver Haug ist Mitbegründer und Geschäftsführer des Communication Lab. Der Kommunikationswissenschaftler berät zu den Themen Kundenansprache und Corporate Language. Seine Spezialgebiete sind Verständlichkeitsanalysen, Prozessoptimierung und Markensprache.