Letztens sagte ein Kölner Freund am Telefon zu mir: „Pass auf, ich bin am Autofahren, das passt jetzt nicht so gut … melde mich, wenn ich ankomme, und du bist dann hoffentlich nicht am Schreiben.“ So weit, so normal.

Oder meldet sich jetzt jemand, dem in der Schule noch beigebracht wurde, dass man Formen mit „am“ nicht verwenden darf? Nein? Denn im Hochdeutschen existiert diese grammatikalische Form, die sogenannte Rheinische Verlaufsform, gar nicht – obwohl sie umgangssprachlich weit über das Rheinland hinaus sehr gebräuchlich ist und von den Sprechern meist nicht als „falsch“ betrachtet wird. Sie ähnelt in ihrer Konstruktion und Funktion der Progressiv-Form im Englischen, also „I am driving“ entspricht „ich bin am Autofahren“. Aber warum ist diese äußerst beliebte Form im Deutschen nicht anerkannt – warum wird uns das Progressiv offiziell vorenthalten?

Experiment mit und ohne Verlaufsform

Wer nicht progressiv spricht, denkt zielgerichtet – das las ich ein paar Tage später in einer Studie. Danach wirkt sich das Progressiv-Verbot weiter auf uns aus als gedacht: Panos Athanasopoulos von der Lancaster University in England und seine Kollegen wollten wissen, wie die Progressiv-Form unsere Wahrnehmung beeinflusst und führte ein Experiment mit englischen und deutschen Muttersprachlern sowie mit zweisprachigen Probanden durch. Die Ergebnisse sind hochinteressant: Je nach Sprache nahmen die Probanden Testszenen anders wahr: Deutschsprachige waren in 40 Prozent der Fälle der Meinung, eine Person in einem Film sei gezielt auf ein bestimmtes Objekt zugegangen – obwohl das Ankommen nicht in direktem Zusammenhang mit dem Gehen zu sehen war. Bei den englischsprachigen Teilnehmern sahen dagegen nur 25 Prozent eine so zielgerichtete Handlung. Drei Viertel hatten einfach nur einen auf einer Straße entlanglaufenden Mann gesehen. Bemerkenswert ist auch das Ergebnis bei den zweisprachigen Probanden: Denn diese reagierten je nach gerade gesprochener Sprache anders. Lief der Test in Englisch ab, reagierten sie wie englische Muttersprachler, wurde deutsch gesprochen, interpretierten sie das Gesehene ähnlich zielorientiert wie die Probanden, die nur Deutsch beherrschten.
Wollen wir Deutschen also unbedingt ein Ziel sehen, auch wenn wir gar keins haben?

Zurück nach Köln

Was ist nun mit dem „unterdrückten“ Progressiv, das seinen Ursprung im Ripuarischen rund um die Kölner Bucht hat? Ist „Et kütt wie et kütt“ und „Et hätt noch immer jot jejange“ Ausdruck nicht der mentalen, sondern im Grunde der grammatikalischen Verfasstheit der Bewohner? Und haben Rheinländer eine größere Gelassenheit, weil sie nicht ständig einem vermeintlichen Ziel hinterherjagen? Wie auch immer, ich bin überzeugt: Am Experiment waren wahrscheinlich keine Rheinländern beteiligt.
Oder sind die einfach noch am Überlegen?

Mehr zum Experiment: http://www.scinexx.de/wissen-aktuell-18677-2015-03-18.html

 

Corinna Wälz

Autor: Corinna Wälz

Corinna Wälz entwickelt Sprachkonzepte für Unternehmen und leitet auch deren Sprachprojekte. Die Germanistin ist außerdem besonders auf die Analyse von Unternehmenskommunikation spezialisiert.