Jeder kennt es: man fühlt sich schlecht,  geht zum Arzt, erhält ein Rezept und besorgt  sich das Arzneimittel. Soweit so gut. Spätestens aber, wenn man den Beipackzettel aufschlägt und anfängt zu lesen, wird der Gemütszustand noch schlechter. Der Inhalt ist oft kaum zu verstehen. Was heißt Laktose und Zuckerintoleranz?  Wie funktioniert eine erektile Dysfunktion?  Unverständlichkeit sorgt für Unsicherheit. Dies führt oft zu Frustration und das trägt wahrlich nicht zur raschen Genesung bei. Vor allem dann nicht, wenn durch Unverständlichkeit das Medikament falsch oder gar nicht eingenommen wird.

Medizinische Beipackzettel müssen verständlich sein. Das schreibt der Gesetzgeber vor – und zwar europaweit. Es wird auch einiges getan, um die Einhaltung dieser Vorgabe zu gewährleisten. Jeder Beipackzettel muss einem Readability-User-Test unterzogen werden. Hierbei lesen Testpersonen den Beipackzettel und beantworten Fragen zum Inhalt. Dabei wird geprüft, wie gut auffindbar (Layout) und wie verständlich (Inhalt) die Informationen sind. Entsprechen die Ergebnisse den Vorgaben nicht, muss der Beipackzettel überarbeitet werden. Vorher erhält das Medikament die Zulassung nicht.

Gute Sache, könnte man denken. Es stellt sich aber dann trotzdem die Frage: warum wird mir immer noch schlecht, wenn ich einen Beipackzettel lese? Kleines Format, winzige Schrift, komplexe Sprache, viele Fachbegriffe und passive Patientenansprache. Das ist alles andere als gut lesbar, einfach verständlich und patientenfreundlich. Woran liegt das?

Zum einen ist die Komplexität eines medizinischen Beipackzettels auf die Komplexität des Gegenstands zurückzuführen. Denn: medizinische Informationen sind von Haus aus fachliche Informationen. Diese laiengerecht aufzubereiten ist nicht immer ganz einfach. Das liegt vor allem daran, dass medizinische Beipackzettel meist von Fachleuten geschrieben werden. Und das ist auch gut so. Denn: höchste Priorität hat immer die medizinische Richtigkeit. Dafür sind Fachleute verantwortlich. Hinzu kommen auch andere Faktoren, wie zum Beispiel gesetzliche Vorgaben (behördlich vorgeschrieben Textpassagen), versicherungsrelevante  Aspekte (zum Schutz von Patienten und Pharmaunternehmen) oder produktionsabhängige Faktoren (Größe und Format der Beipackzettel).

Eine weitere Schwachstelle in der Einhaltung und Kontrolle der vorgegebenen Standards ist die Methode selbst. Sind die Testpersonen beim Readability-User-Test tatsächlich ein repräsentativer Durchschnitt der Ziel-Patienten? Kann die Bewertung der einzelnen Testpersonen objektiv nachvollzogen werden? Sind die Test-Daten korrekt erhoben, die Ergebnisse wissenschaftlich nachweislich und plausibel?  Wer kann und soll das überprüfen?

Damit keine Missverständnisse entstehen: die von dem australischen Kommunikationsforscher Prof. David Sless entwickelte Methode des Readability-User-Tests ist wissenschaftliche fundiert und ein effektives Instrument. Die internationale Anwendung der Methode obliegt aber nicht mehr der Kontrolle des Entwicklers. Readability-User-Testing ist ein attraktiver und internationaler Markt. Die Konkurrenz ist über die Staatsgrenzen eines Landes hinaus groß. Der Kampf um Kunden und Preise ebenso.  Darunter leider oft die Qualität. Die Qualität der Prüf-Methode und die Qualität der Beipackzettel.

Aufgrund der komplexen und vielschichtigen Prozesse bei der Zulassung von Arzneimitteln, der internationalen und zum Teil auch unterschiedlichen Bestimmungen und nicht zuletzt durch die reine Menge an Zulassungen, können die verantwortlichen Behörden die Prüfung einzelner Ergebnisse nicht immer in der notwendigen Tiefe bewerkstelligen.

Eine mögliche Lösung für dieses vielschichtige Problem ist eine leserunabhängige, objektive Analyse und Bewertung der Textverständlichkeit anhand relevanter Textkriterien. Verschiedene Eigenschaften eines Textes ermöglichen es, die Verständlichkeit von Informationen statistisch zu berechnen und zu bewerten. Faktoren wie Satzlänge, Informationsdichte, Wortkomplexität, Anteil an Fachbegriffen oder Passivsätze tragen wesentlich zur Verständlichkeit und Qualität eines Textes bei. Auch Lesbarkeitsformeln sind in diesem Zusammenhang  nützliche Instrumente.

Durch computergestützte Analysen von Beipackzetteln kann die Verständlichkeit der Inhalte und die Einhaltung von vorgegebenen Standards auf Knopfdruck geprüft werden. Objektiv, schnell und kostenfreundlich.  Das bringt  Vorteile für die zulassenden Unternehmen, für die Behörden aber auch und vor allem für die Patienten. Pharmaunternehmen können durch schnellere Prozesse die Zeit zum Markteinstieg verkürzen.  Behörden können die Prüfungen von Dokumenten rascher und nach ganz klaren Kriterien durchführen. Und die Chancen für die Patienten mehr zu verstehen erhöhen sich drastisch.

Durch den Einsatz objektiver und statistischer Textanalyse-Methoden ist nicht nur im Fall vom medizinischen Beipackzettel eine gute Besserung für alle Beteiligten zu erreichen. Bei allen Dokumenten mit (Fach-) Information für Endkunden oder Laien, sollte eine objektive Qualitätskontrolle heute zum Standard gehören.

Autor:

Oliver Haug ist Mitbegründer und Geschäftsführer des Communication Lab. Der Kommunikationswissenschaftler berät zu den Themen Kundenansprache und Corporate Language. Seine Spezialgebiete sind Verständlichkeitsanalysen, Prozessoptimierung und Markensprache.