Viele Mediziner sprechen in den Ohren ihrer Patienten eine Fremdsprache: Fachchinesisch. Oder verstehen Sie alles, was Ihr Arzt Ihnen versucht zu erklären? Manchmal tun wir so, damit wir nicht allzu ahnungslos wirken. Auf der anderen Seite sind die Fachbegriffe für Ärzte längst nicht mehr fremd, verwenden Sie diese doch täglich. Wir vertrauen da einfach unseren Ärzten. Die werden hoffentlich schon wissen, was richtig ist. „Dafür haben sie ja auch lange studiert“, denken viele.

 

Ausgleich der fehlenden Ärzte ist nicht genug

Wenn es im Inland an Fachkräften mangelt, braucht man welche aus dem Ausland. Kein Problem, wenn die fachlichen Voraussetzungen stimmen – bisher. Schon ein Problem, wenn Arzt und Patient sich nicht verstehen. Im wörtlichen Sinn. So gab es in der Vergangenheit öfter Fälle falscher Behandlungen, die auf mangelnde Verständigung zwischen Arzt und Patient zurückgehen. Behandlungsfehler hängen also oft nicht mit der fachlichen Kompetenz der Ärzte zusammen. Nach der Deutschen Stiftung Patientenschutz passieren sogar bis zu 20 Prozent der Fehlbehandlungen wegen mangelnder Verständigung. Denn die Sprachkenntnisse spielten bei der Auswahl der Fachkräfte bislang eine untergeordnete Rolle. Das soll sich nun ändern.

 

Sprachkurse für Ärzte

Für Patienten gibt es bereits Möglichkeiten, sich die medizinische Fachsprache in verständliche Sprache übersetzen zu lassen. Zum Beispiel auf der Seite von washabich.de: Laien können hier ihren  „ärztlichen Befund kostenlos von Medizinstudenten in eine für Sie leicht verständliche Sprache übersetzen lassen“, heißt es auf der Seite. Eine gute Sache wie wir finden. Denn davon profitieren beide Seiten: Patienten verstehen, mit was sie es zu tun haben. Außerdem sensibilisiert dies die angehenden Ärztinnen und Ärzte für den verständlichen Austausch mit Patienten.

Mit dem Befunddolmetscher können sich Interessierte und Betroffene sogar selbst direkt über medizinische Befunde in einfacher Sprache informieren. Man wählt auf der Seite zunächst einfach die entsprechende Körper-Region aus. Dann werden mögliche Untersuchungen vorgeschlagen und man erhält entsprechende Fach-Begriffe in einfache Sprache übersetzt. Sonst kann man mit Hilfe von Stichworten die medizinischen Begriffe suchen und bekommt eine verständliche Erklärung. Der Befunddolmetscher wird gerade noch von Aktion Mensch und washabich.de ausgebaut. Ärzte könnten sich diese Seite ebenfalls für Patientengespräche zu Nutze machen.

Den Mangel an qualifizierten Ärzten auszugleichen allein reicht eben nicht. Daher fordert Eugen Brysch, Vorstandsmitglied der Deutschen Stiftung Patientenschutz, ein generelles Verständlichkeits-Training für Ärzte. Auch für Muttersprachler. Hier gäbe es ebenso Probleme bei der Verständigung mit Patienten. Vereinzelt wird das bereits umgesetzt. Zum Beispiel kümmert sich Baden-Württemberg auch um die fachliche Sprach-Kompetenz der ausländischen Ärzte. Das nützt aber wenig, wenn nicht alle Länder am gleichen Strang ziehen. Mit einer bereits erhaltenen Zulassung dürften Ärzte bundesweit praktizieren, erklärt Gerhardt Schüßler vom Landesprüfungsamt für Medizin und Pharmazie in Stuttgart. Da genügte lange ein schriftlicher Nachweis über grundlegende Sprachkenntnisse. Baden-Württemberg dient jetzt als Vorbild für einheitliche Voraussetzungen auf Bundesebene: Hier müssen Mediziner für eine Zulassung nicht nur Sprachkenntnisse auf dem Niveau B2 nachweisen – also mittlere Sprachkenntnisse. Auch fortgeschrittene fachsprachliche Kenntnisse auf dem Niveau C1 sind hier notwendig. Für Sozialministerin Katrin Altpeter ist das „ein ganz wesentlicher Beitrag zum Patientenschutz.“

Quelle: Stuttgarter Nachrichten Sonntagszeitung vom 03. Mai 2015 (Printausgabe).

 

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Autor: Anja Wehner